Von Ouagadougou nach Kiel: Wie drei Frauen aus Burkina Faso die Pflege in Schleswig-Holstein verstärken
Drei junge Frauen aus Burkina Faso, jede mit einem Bachelor in Pflege- oder Hebammenwissenschaft in der Tasche, verlassen ihre Heimat, um in Kiel noch einmal ganz von vorn anzufangen: mit einer Ausbildung zur Pflegefachfrau. Was nach einem klaren Plan klingt, war in Wirklichkeit ein Jahr harter Spracharbeit, ein bürokratischer Spießrutenlauf – und am Ende ein Projekt, das zeigt, wie internationale Fachkräftegewinnung in der Pflege gelingen kann. Organisiert hat es die Paritätische Pflege Schleswig-Holstein gGmbH, eng begleitet vom Welcome Center Schleswig-Holstein. Im Gespräch erzählt Herr Waßmuth, über viele Jahre Ansprechpartner des Unternehmens für Fachkräftegewinnung, wie aus einer Initiativbewerbung ein Erfolgsprojekt wurde.
Der Zufall, der alles ins Rollen brachte
Die Idee, gezielt Fachkräfte im Ausland zu gewinnen, ist bei der Paritätischen Pflege nicht neu. Vor einigen Jahren versuchte das Unternehmen bereits, über Thessaloniki Kontakt nach Griechenland aufzunehmen. Der Versuch scheiterte an fehlender Unterstützung.
Bewerbungen aus dem Ausland erreichen das Unternehmen bis heute fast täglich, viele davon über anonyme Massen-Mailings. Umso überraschter war Herr Waßmuth, als sich drei junge Frauen aus Burkina Faso initiativ meldeten und der Name eines alten Bekannten auftauchte: der Verein AMPO International e.V., mit dem das Unternehmen seit einem zehnjährigen Firmenjubiläum lose verbunden war, als eine Tombola-Spende den Bau von Krankenrollstühlen in Burkina Faso finanzierte.
AMPO, seit 30 Jahren von der Preetzerin Katrin Rohde aufgebaut, stellte den ersten Kontakt her und sorgte dafür, dass sich das Unternehmen und die Bewerberinnen frühzeitig persönlich kennenlernen konnten, unter anderem in Videokonferenzen. Entscheidend war für Herrn Waßmuth dabei auch der fachliche Hintergrund: Die Bewerberinnen hatten bereits ein Bachelorstudium in Pflege- beziehungsweise Hebammenwissenschaft abgeschlossen. Zudem sprachen sie mit Französisch bereits eine weit verbreitete europäische Sprache, was das Erlernen des Deutschen erleichterte. Gerade in der Arbeit mit demenzerkrankten Menschen, wo Sprache ein zentraler kultureller Schlüssel ist.
Sprache als Schlüssel zur Pflege
Bedingung für die Einreise war ein sicheres B2-Sprachniveau in Deutsch, bei allen drei Frauen gleichermaßen. Ein ganzes Jahr lang lernten sie die Sprache mit der Duolingo App und begleitet von Luna Nielsen, einer Mitarbeiterin des Unternehmens. Von Anfang an bestand das Unternehmen darauf, gleich drei Frauen gemeinsam aufzunehmen und nicht nur eine oder zwei – aus Sorge, eine Einzelne könnte mit Heimweh allein dastehen. Alle drei sollten die Sprachprüfung gemeinsam schaffen, was zusätzlich zusammenschweißte.
Bürokratie: der schwierigste Teil der Reise
Der eigentliche Kraftakt begann nicht in Burkina Faso, sondern in deutschen Ämtern. Auf Bundesebene kam es zwischenzeitlich zu einem Antragsstau, der die Verfahren kurzzeitig verzögerte – für Herrn Waßmuth, kurz vor seinem Ruhestand, eine nervenaufreibende Phase.
Auch die Anerkennung der Bildungsabschlüsse verlief nicht geradlinig: Die Zeugnisse waren zwar bereits durch die Deutsche Botschaft beglaubigt, doch das Bildungsministerium kann im Einzelfall zusätzlich die Originalzeugnisse anfordern – so auch hier. Die Zeit drängte, und einen Postweg von Ouagadougou nach Kiel wollte man den Originalen nicht zumuten. Zu groß war die Angst, sie könnten auf der letzten Meile verloren gehen. Die Rettung kam wie gerufen: Katrin Rohde flog im Dezember ohnehin nach Hamburg und brachte die Zeugnisse einfach im Handgepäck mit. So konnte nach rund drei Monaten Prüfung der mittlere Bildungsabschluss anerkannt werden, der die Ausbildung in Deutschland ermöglichte.
Das Welcome Center SH: gebündelte Kompetenz statt Amtsmarathon
Bei all diesen Hürden erwies sich das Welcome Center Schleswig-Holstein von Anfang an als zentraler Anker: Bereits im November 2024 wandte sich die Paritätische Pflege erstmals an die Anlaufstelle, noch bevor die spätere Einreise konkret geplant war. Es folgte ein intensiver Beratungsaustausch zur geplanten Einstellung internationaler Auszubildender. Konkret beriet Matthias Guist zum beschleunigten Fachkräfteverfahren und unterstützte bei der Antragstellung beim Landesamt für Zuwanderung und Flüchtlinge. Was Herrn Waßmuth überzeugte, war vor allem die Bündelung der Zuständigkeiten.
„Arbeitsagentur und Landesamt für Zuwanderung [und Flüchtlinge] sind vor Ort eingebunden – alles ist gebündelt. Sonst läuft man von Pontius zu Pilatus, bis man alle Ämter abgeklappert hat. Diese Kombination, kurze Wege, kurze Absprachen – so wie es sein sollte." — Herr Waßmuth.
Besonders praktisch wurde die Unterstützung bei der Wohnungssuche: Matthias Guist verwies auf die Wohnungsbaugesellschaft WAK, was sich als Glücksfall erwies – noch am nächsten Morgen sicherte sich Herr Waßmuth zentral gelegenen Wohnraum in Kiel, von dem aus die Frauen mit Bus und Bahn direkt zum Bildungszentrum in Preetz gelangen. Auch die praktischen Vorbereitungen erleichterte das Welcome Center SH mit einer detaillierten To-Do-Liste für Ankunft und Einleben, die das Unternehmen bis heute Schritt für Schritt abarbeitet.
Ankunft in Kiel: „mit heißer Nadel gestrickt – aber gut gestrickt“
Im März 2026 kamen die drei Frauen in Kiel an – an einem Samstag, mit leeren Wohnungen. Bereits am darauffolgenden Montag begann die Schule in Preetz. Das Unternehmen richtete in der Zwischenzeit alles her, inklusive eines Großeinkaufs bei Ikea, um für die drei eine „vorbereitete Umgebung“ zu schaffen. Finanziell trug das Unternehmen die Vorbereitung dabei weitgehend selbst. Seither begleitet Luna Nielsen die drei Frauen im Alltag: Sie zeigte ihnen, wie man Bus und Zug fährt, und fährt bis heute mit zu Arztterminen damit die Frauen in Kiel nicht auf sich allein gestellt sind. Im Kollegium selbst löste die Ankunft keine Verwunderung aus. Wie Herr Waßmuth betont, gehören internationale Auszubildende inzwischen vielerorts zum Alltag in der Altenpflege.
Rat an andere Pflegeeinrichtungen
Der wichtige Tipp für Einrichtungen, die vor demselben Fachkräftemangel stehen, aber vor dem bürokratischen Aufwand zurückschrecken, ist eindeutig:
„Wenden Sie sich ans Welcome Center und lassen Sie sich durch diesen Antragsdschungel lotsen. Man kann die Menschen aber nicht einfach herkommen lassen und dann läuft das von allein – das ist Arbeit, das ist Begleitung." — Herr Waßmuth.
Trotz aller Hürden zeigt das Projekt der Paritätischen Pflege Schleswig-Holstein gGmbH, dass internationale Fachkräftegewinnung gelingen kann. Für die Pflege in Schleswig-Holstein ist es ein kleiner, aber wichtiger Baustein gegen den Fachkräftemangel.
Quellen:
- NDR Schleswig-Holstein Magazin (29.03.2026): Drei Frauen aus Burkina Faso werden Altenpflegerinnen in SH. Verfügbar unter: https://www.ndr.de/fernsehen/sendungen/schleswig-holstein_magazin/drei-frauen-aus-burkina-faso-werden-altenpflegerinnen-in-sh,shmag-8448.html (abgerufen am 16.07.2026).
- NDR Schleswig-Holstein Magazin (20.05.2026): Kiel-Gaarden: Ausbildungsstart für angehende Pflegerinnen. Verfügbar unter: Kiel-Gaarden: https://www.ndr.de/fernsehen/sendungen/schleswig-holstein_magazin/kiel-gaarden-ausbildungsstart-fuer-angehende-pflegerinnen,shmag-9860.html (abgerufen am 16.07.2026).
- AMPO International e. V. (25.03.2026): Auf in ein neues Leben – Fünf junge Frauen starten ihre Ausbildung in Deutschland. Verfügbar unter: AMPO International (abgerufen am 16.07.2026).
- Interview mit Herrn Waßmuth, Referent für innovative Wohn-, Pflege- und Betreuungsformen bei der Paritätischen Pflege Schleswig-Holstein gGmbH, geführt im Juni 2026.