Internationale Azubis: 55 % der IHK-Ausbildungsbetriebe sehen die Chance
Interview mit Berna Kilinc, Beraterin für Unternehmen im Welcome Center Schleswig-Holstein
Welcome Center SH: Frau Kilinc, viele Unternehmen zögern noch, Auszubildende aus dem Ausland zu rekrutieren. Welche entscheidenden Vorteile übersehen sie dabei?
Berna Kilinc: Wir sprechen täglich mit Unternehmerinnen und Unternehmern, die uns genau das schildern: Die Bewerberpostfächer bleiben leer und am Ende des Jahres sind mehrere Ausbildungsplätze unbesetzt. Das ist die harte Realität hier bei uns in Schleswig-Holstein. Laut der Bundesagentur für Arbeit waren Ende August 2026 rund 4.100[1] betriebliche Ausbildungsplätze frei. Das ist eine alarmierende Zahl.
Der Blick ins Ausland ist dabei eine riesige Chance. Die Betriebe bekommen Zugang zu jungen Leuten, die hochmotiviert sind und für die eine Ausbildung in Deutschland eine einmalige Perspektive ist. Das ist auch keine Theorie mehr, sondern gelebte Praxis im Norden: Allein in den schleswig-holsteinischen Gesundheitsberufen hat inzwischen jeder fünfte Auszubildende[2] eine ausländische Staatsangehörigkeit. Und was viele Betriebe anfangs nicht auf dem Schirm haben: Wenn sie einen internationalen Azubi erfolgreich integrieren, spricht sich das herum. Dieser junge Mensch wird zum Botschafter für ihr Unternehmen in seinem Freundeskreis im Ausland. Daraus entstehen oft ganz von selbst neue Bewerbungen.
Welcome Center SH: Der bürokratische Aufwand gilt als große Hürde. Wie unterstützt das Welcome Center SH ein Unternehmen, um diesen Prozess zu meistern?
Berna Kilinc: Das höre ich fast jeden Tag, und ich kann die Sorge absolut verstehen. Viele stellen sich einen riesigen Berg an Papierkram und unzählige Behördengänge vor. Aber genau das ist unsere Aufgabe: diesen Berg abzutragen und einen klaren Weg daraus zu machen. Die aktuelle DIHK-Ausbildungsumfrage zeigt, dass in ganz Deutschland bereits 55 %[3] der IHK-Ausbildungsbetriebe internationale Auszubildende als Chance sehen – und wir sorgen dafür, dass diese Chance hier im Norden auch genutzt werden kann.
Wir beraten individuell zur Anerkennung von Berufsabschlüssen, zu Visa- und Einreiseverfahren, unterstützen bei Behördenkontakten und zeigen konkrete Wege auf, wie die Rekrutierung aus dem Ausland gelingen kann. Oft stellen wir fest, dass die größte Hürde nicht der tatsächliche Aufwand, sondern die Unsicherheit davor ist. Die Statistik, dass schon 31 %[4] der IHK-Ausbildungsbetriebe bundesweit erfolgreich Azubis aus Drittstaaten ausgebildet haben, zeigt, dass es funktioniert, und es lohnt sich!
[1] Der Arbeitsmarkt in Schleswig-Holstein, Bundesagentur für Arbeit, Regionaldirektion Nord, August 2026
[2] Statistikamt Nord, Schulen des Gesundheitswesens in Schleswig-Holstein 2024/2025
[3] DIHK-Ausbildungsumfrage 2026
[4] DIHK-Ausbildungsumfrage 2026, PDF, S. 27